Rajayoga

Systematische Selbstbefragung

 

"Raja Yoga is the king of all yogas. The practice of Raja Yoga will enable you to have a vigorous, healthy mind, strong willpower, power of concentration and self-control." Swami Sivananda

 

Rajayoga ist einer der vier Yogawege (neben Bhakti-, Karma- und Jnanayoga). Der hier gelehrte klassische Yogaweg des Rajayoga, ehemals der Yogaweg der Könige, bietet die umfassendste und strukturierteste Annäherung an die vollkommene Kontrolle und Ruhe des Geistes. Wie der Name nahelegt, ist es ein Weg, der sehr gut für aktive Menschen geeignet ist, die aktiv und verantwortungsbewusst im Leben stehen.

 

Rajayoga besteht aus den folgenden acht Stufen:

 

Yamas   Verhaltensregeln zur Harmonisierung der Beziehungen zur eigenen Umwelt

 

Niyamas   Verhaltensregeln zum besseren Ich- und Selbstverständnis

 

Asanas   spezifische, ruhige Körperhaltungen zur Körper- und Geisteskontrolle

 

Pranayama   Atemübungen zum Ausgleich der Nerven und der feinstofflichen Lebensenergie

Pratyahara   Rückzug des Geistes aus den Sinnen und den Gedanken in die innere Stille

 

Dharana   Konzentration des Geistes, momenthaftes Versiegen der unkontrollierten Gedankenwellen

 

Dhyana   Meditation, noch vorübergehendes, doch bereits etwas längeres Versiegen der unkontrollierten Gedankenwellen

 

Samadhi  Stille des Geistes, überbewusster Zustand, Verbindung mit dem kosmischen Bewusstsein.

 

Da Rajayoga der Yogaweg für im Leben stehende aktive Menschen ist, die den Weg des Yoga beschreiten wollen, bezieht er konsequenterweise auch das Leben außerhalb der Asana- und Meditationspraxis in die yogische Aktivität mit ein. Die Praxis des Rajayoga beginnt daher mit den ethischen Grundregeln der Yamas und Niyamas.

Yamas

Es gibt 5 Yamas (Verhaltensregeln zur Harmonisierung der Beziehungen zur eigenen Umwelt). Sie lauten:

 

Ahimsa   Nicht-Verletzen, Barmherzigkeit in Tat, Wort und Gedanke
Satya   Wahrhaftigkeit, Verantwortlichkeit im Handeln dem eigenen yogischen Lebensziel gegenüber
Brahmacharya   Enthaltsamkeit, Kontrolle der auswärtsstrebenden Sinne
Asteya   Nicht-Stehlen, Nicht-Aneignen was einem nicht gehört
Aparigraha   Unbestechlichkeit, Nicht Annehmen von Geschenken

   

Oberstes Ziel der Yamas ist nicht das moralische Verhalten als Selbstzweck, sondern ganz pragmatisch das Anwenden der Unterscheidungskraft (viveka), um die Verhaftung und Verstrickung des Geistes in die täglichen Handlungen aufzulösen. Nur so kann der Geist zur Ruhe kommen und langfristig die tatsächliche Verbundenheit mit dem universellen Bewusstsein wahrgenommen und realisiert werden. Wenn die Verstrickungen sich lösen und weitgehende Leidenschaftslosigkeit im Handeln und Denken (vairagya) erreicht worden ist, werden die darauf folgenden Stufen des Rajayoga zunehmend leichter fallen.

Niyamas

Die Niyamas sind Verhaltensregeln zum besseren Ich- und Selbstverständnis und führen einen Schritt weiter als die Yamas. Sie sind anders als die Yamas mit ihrem Bezug auf das Umfeld eher auf das eigene Selbstverständnis und die innere Harmonisierung gerichtet. Sie heißen:

 

Saucha   Reinheit
Santosha   Zufriedenheit
Tapas   Askese, Entbehrungen
Swadyaya   Studium der Schriften
Ishwara Pranidhana   Hingabe an Gott, bzw. eine Form des universellen Bewusstseins

 

Wie bei den Yamas geht es hier nicht um den Selbstzweck makellosen ethischen Verhaltens, sondern um den positiven Effekt, den jede dieser einzelnen Regeln – und erst recht ihre Zusammenwirkung - auf den Geist hat.

Um kurz beispielhaft die Ebene zu illustrieren, auf der die Yamas und Niyamas zu verstehen und anzuwenden sind: Saucha meint nicht nur die äußerliche Reinheit im Sinne einer Körperhygiene, oder sauberer Kleidung. Und auch nicht nur die innere Reinheit z.B. in Form von reinen, positiven, erhebenden Gedanken. Saucha bezieht sich unter anderem auch auf die Lebensumstände im weiteren Sinn: welche Bücher lese ich, mit welcher Gesellschaft umgebe ich mich, in welcher Geisteshaltung übe ich meinen Beruf aus, oder meine Rolle in der Familie.

Asanas

Asana wird mit Sitz, Haltung oder Stellung übersetzt. Die Asanas widmen sich dem Ziel der Harmonisierung des Geistes durch das Instrument des Körpers. Dies geschieht auf der Ebene der Muskulatur durch das Prinzip der Anspannung und Entspannung der verschiedenen Muskelgruppen durch Kontraktion und Dehnung. Muskuläre Verspannungen schränken nicht nur den Bewegungsraum des Körpers ein. Sie beeinträchtigen auch die Funktion der inneren Organe.

 

Darüber hinaus wirken sie auf den feinstofflichen Energiehaushalt des Körper-Geist-Systems (das Prana). Das Prana, als feinstoffliches Prinzip der Aktivität, das Körper und Geist miteinander verbindet, wird im physischen Körper (Prinzip der Materie) durch die Asanas gezielt aktiviert. Genau genommen wird unser physischer Körper erst durch das Prana belebt. Es wirkt dadurch, dass es auch mit den Wahrnehmungsorganen verbunden ist, sogar auf den Denk- und Wahrnehmungsraum des Geistes ein.

 

Darüber hinaus dienen die Asanas dazu, den Körper auf den Meditationssitz und auf eine kontinuierliche Meditationspraxis vorzubereiten. Denn was für die mit Wasser gefüllte Tasse gilt, die man erschütterungsfrei durch den Raum zu tragen versucht, um den Inhalt ruhig zu halten, gilt auch für den Körper: nur im unbewegten und zugleich entspannten Meditationssitz lassen sich Fortschritte in der Meditation erzielen.

Pranayama

Wie die Asanas dient auch das Pranayama der Harmonisierung des Geistes, doch nicht mittels des Körpers, sondern durch den Atem. Der Atem wird im Yoga als Manifestation des Prana, der feinstofflichen Energie, die Körper und Geist miteinander verbindet, angesehen. Das Pranayama sind nun verschiedene Atemübungen, mit deren Hilfe der Fluss des Prana möglichst direkt reguliert und kontrolliert werden soll. Durch das Praktizieren der Atemübungen wandeln wir das Prana in eine Energie um, die den Geist beruhigt und diese Ruhe auch langfristig stabilisieren hilft.

 

Mit dem Pranayama als seiner vierten Stufe schließt sich der Äußere Ring (Bahiranga) des Rajayoga, der mit zunehmender Fokussierung auf das Innen noch die Welt der Handlungs- und Sinnesorgane beschreibt. An ihn schließt sich mit dem Inneren Ring (Antaranga) als nächstes das Pratyahara an.

Pratyahara

Pratyahara ist der erste Schritt des Rajayoga des „inneren Kreises“ (Antaranga), der nurmehr die Aktivität des mentalen Apparates behandelt. Pratyahara bedeutet „Abstraktion“ und „Zurückholen“ und bezieht sich auf die Aktivität und den Drang der Sinne. Es bringt den Frieden des Denkens.

Es sind die Sinne, die den Geist immer wieder nach Außen ziehen und die Harmonisierung des Inneren stören. Dazu kommt, dass das mit den Sinnen Wahrgenommene nie identisch ist mit den äußeren Objekten, auf die die Sinneswahrnehmung sich beruft, weil der Geist gemäß seiner eigenen Vorlieben und Abneigungen (raga – dvesha) das Wahrgenommene fixiert und gleich bewertet. Im Pratyahara ziehen wir nun die Sinne und den Geist von der äußeren Welt zurück und nehmen dadurch den Objekten das Potential uns zu ihrer Bewertung herauszufordern. Dadurch wird es uns nun möglich, dauerhaft und bewusst im Zustand des Wissens und der Verbundenheit mit dem Selbst, dem universellen Bewusstsein zu bleiben. Kontinuierliches Üben in Verbindung mit präziser Selbstbeobachtung und die Führung durch einen Lehrer (Guru) ist unerlässlich. Das Üben sollte im Geiste der Hingabe geschehen.

Dharana

Dharana bedeutet Konzentration, wobei die Konzentration im hier verstandenen Sinne weit über das herkömmliche Sich-auf-eine-Aufgabe-konzentrieren hinausgeht. Dharana heißt vielmehr, die Gesamtheit unserer komplexen psychischen Struktur, d.h. alle Erinnerungen, Gefühle, Gedanken und Wünsche wie auch die gesamte individuelle physisch-mentale Energie, die unser Ich konstituieren, für einen noch begrenzten Zeitraum auf das Seins hin zu bündeln und zu kanalisieren. Wenn sich die Momente dieser Konzentration ausdehnen erfährt man im fließenden Übergang die nächste Stufe, Dhyana, die Meditation.

Dhyana

Dhyana, die Meditation, ist das völlige Versinken des Denkens in den Gegenstand seiner Konzentration. Hierbei harmonisiert sich das subjektive, individuelle Bewusstsein als Ganzes mit dem überindividuellen Bewusstsein, dem Selbst. Die Meditation wird dabei eher als ein Zustand des Fließens, einer Bewegung vom meditierenden Subjekt hin zum Objekt der Meditation beschrieben. In dieser Bewegung gibt es vorübergehend kein Bewusstsein mehr von irgendetwas, das außerhalb des Wahrnehmungsfeldes der Meditation liegt. Sie umfasst ausschließlich die folgenden drei Elemente: den Gedanken an die eigene Subjektivität als sich konzentrierendes Prinzip, den Vorgang der Konzentration und den Gegenstand auf den sich die Konzentration bezieht. Diese endlos scheinende Bewegung, dieses Fließen wird als Ananda (Wonne) erlebt.

Samadhi

Der Begriff Samadhi beschreibt als Überbegriff die verschiedenen, jeweils definierten überbewussten Zustände, die man durch die Praxis des Rajayoga erreichen kann. Beim Samadhi geschieht es, dass die drei erwähnten Elemente des Dhyana, der Gedanke des Subjekts als sich konzentrierendes Prinzip, der Vorgang der Konzentration und das Objekt der Konzentration sich soweit harmonisiert haben, dass sie im Objekt der Konzentration eins werden. Für diese Vereinigung wird oft das Bild des Flusses gewählt, der in den Ozean einmündet, sich selbst darin auflöst, eins wird mit dem Ozean.